Wolkenhimmel
Gedenkstein
Mutter-u-Kind-Schiffchen

Ein riesengroßes Loch im Leben - Trost finden - Rituale pflegen

Die zwei Kammern - ein Gleichnis

Kürzlich begegnete ich einer alten Frau. Ihr Gesicht hatte Furchen, kreuz und quer. Über ihren Augen zogen sich tiefe Linien zusammen. Aber in ihren alten Wangen waren Grübchen des Lachens geblieben. Sie sah mich an und sagte: "In deinem Gesicht ist lauter Trauer, deine Augen sind ohne Glanz und dein Mund ist hart geworden".
"Ich bin in Trauer", sagte ich entschuldigend. Da entgegnete sie: "Richte in deinem Herzen zwei Kammern ein, eine für die Freude, eine für die Trauer. Kommt die Trauer über dich, dann öffne die Kammer der Freude"! Und mit einem Lächeln fügte sie hinzu: "Den Toten ist es wohler in den Kammern der Freude."

Die heilende Kraft von Ritualen - loslassen ohne zu vergessen

Ein Abschied in Eile! Was Trauernde über viele Jahre hinweg als nicht gelebtes Ereignis anhängen kann, ist das Gefühl, existenziell Bedeutendes versäumt zu haben. Diese Empfindung kann nicht überwunden werden.

Nicht noch einmal in den Sarg hineingesehen zu haben, kann zusätzlich belasten. 'Ihn so in Erinnerung zu behalten, wie er im Leben war', will einfach nicht gelingen. Was ist geschehen? Der Verlust eines nahen Menschen ist ein intensives, einschneidendes Erlebnis. Nichts ist mehr wie zuvor. Der Kopf hat verstanden, dass der Mensch gestorben ist - nicht jedoch das Herz! Bis die Seele den Tod versteht, bedarf es der Sinneseindrücke - ansehen, betasten, berühren, und es bedarf der Zeit und des Raumes für das Abschiednehmen. Abschied ist ein Prozess. Abschied gelingt in guter Art und Weise, wenn wir uns auf diesen Prozess einlassen können, wenn wir uns getrauen, den Verstorbenen im Friedhof zu besuchen, wenn wir ihm über die Wange streichen, ihm Blumen, Bilder oder Andenken in den Sarg legen, mit ihm reden. Wenn wir ihm sagen, dass er uns fehlt, dass wir ihn lieben...
Ein heilsames Ritual ist die Hausaufbahrung. Sie bietet sich an, wenn ein Tod zuhause eingetreten ist. Tagelang kann dieser Zeitraum andauern. Eine Chance, Abschied zu leben.

Eine Angehörige hatte nach dem Tod ihrer Mutter das Essen verlernt. Damit es ihr wieder gelang, riet ihr Anita Märtin als Bestatterin, die geliebte Mutter doch auch zur Essenszeit einzuladen, für sie ruhig auch ein Gedeck aufzulegen, aber anstatt es mit Essen zu belegen für sie eine Kerze anzuzünden und eine rote Rose in einer Vase daneben zu stellen. Eine kleine innige Tischrunde nahm über längere Zeit ihren heilsamen Verlauf. Es wurde gegessen, erzählt und gelacht.

Sehr wohltuend kann ein Andenkenplatz in einer Zimmerecke sein. Das gerahmte Portrait des Verstorbenen, Blumen, Kerzen und Dinge, die er liebte, die er schätzte: Auf einem kleinen Tisch wird alles liebevoll angeordnet. Die Gegenstände, das Foto, alles kann verändert, wieder entfernt, Neues hinzugefügt werden. Der Andenkenplatz ist immer in Bewegung, immer in Wandlung begriffen. Wichtig: ein Stuhl, um es sich an diesem Platz gemütlich zu machen und um Zwiesprache zu halten mit ihm, mit ihr.

Eine andere Möglichkeit der Trostsuche ist das Lesen! Nicht das still vor sich hin Lesen sondern das laute Lesen, so wie wir das früher in der 2. oder 3. Schulklasse als Kinder gemacht hatten. Es ist Vorlesen für den Verstorbenen. Es ist Zwiesprache mit ihm in einer besonderen Form, die nicht so sehr schmerzt wie seine direkte Ansprache. Weshalb soll Zwiesprache still sein? Eine schöne Geschichte, ein Märchen, eine Erzählung..., etwas, das reich an inneren Bildern und interessanten Gedanken ist, ist genau die richtige Lektüre für den Vorleser   u n d  für den Zuhörer! Demjenigen Leser, der dieses lächerlich findet, soll gesagt sein, dass er nicht weiß, dass er gar nichts weiß!

Der regelmäßige Besuch des Grabes kann zu einem Ritual werden, das Bepflanzen, die Blumenpflege,
das Grablicht. Deshalb ist die anonyme Bestattung rechtzeitig und gründlich abzuwägen - und vor allem
mit nahen Angehörigen zu besprechen, ob sie später mit dieser Entscheidung leben können.

Tod
An dem Tag, wenn der Tod an deine Tür klopfen wird,
was wirst du ihm anbieten?

Ich werde meinem Gast das volle Gefäß meines Lebens vorsetzen.
Ich werde ihn nicht mit leeren Händen gehen lassen.

Tagore

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